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Auszüge aus der Volpers-Studie "Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen"

Auftrag- und Herausgeber der Studie ist die Landesanstalt für Medien NRW. Die Studie kann online beim Vistas Verlag oder über den Buchhandel bestellt werden: "Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen - Eine Organisations- und Programmanalyse" , Vistas Verlag Berlin, ISBN 3-89158-420-2. Hier einige Auszüge:

(Studie online bestellen: http://www.vistas.de/vistas/neuerscheinungen/BUERGERFUNK_IN_NORDRHEIN-WESTFALEN/365/detail.html )

Kapitel 2 Bürgerfunk in Nordrhein-Westfalen- Rahmenbedingungen


S. 19
In der überwiegenden Zahl der Verbreitungsgebiete des Lokalfunks lässt sich aber seit 1995 eine Steigerung des Volumens der Bürgerfunkproduktionen feststellen. Dies spricht für die Kontinuität des Bürgerfunks und seine Attraktivität bei den Produzenten in NRW. Beachtlich sind die absoluten Zahlen der Akteure und des Programmvolumens in NRW. (...) Im Jahr 2003 gab es in NRW 150 anerkannte Radiowerkstätten, die insgesamt 2.680 Bürgerfunkgruppen betreut haben. Davon waren 1.090 regelmäßig produzierende und 1.590 sporadisch produzierende Bürgerfunkgruppen. Hieraus resultiert hochgerechnet eine Anzahl von über 18.000 Personen bei einem arithmetischen Mittel von 6,5 Personen pro Bürgerfunkgruppe, die als Bürgerfunker aktiv waren. Das Sendevolumen aller Ausstrahlungen betrug im Jahr 2003 insgesamt rund 18.170 Stunden.


Kapitel 4 Das Programmangebot des Bürgerfunks


4.1 Die Rahmenbedingungen der Programmproduktion und des Sendungsablaufs

S. 38/39

Mancherorts ist das Verhältnis zwischen Lokalradio und Bürgerfunk (...) von wechselseitiger Akzeptanz und Kooperation geprägt. Im Übergangsjingle kommt dies zum Ausdruck, der beispielsweise in Bielefeld lautet: "Und jetzt folgt der Bürgerfunk: Radio von Bielefeldern für Bielefelder." Andere Beispiele lauten: "Der Bürgerfunk - Radio von Hörern selbst gemacht. Radio Euskirchen meldet sich wieder ab 20 Uhr" (Euskirchen), "Bürgerfunk - Hörer machen Programm" (Kreis Wesel), "Radio Erft - Bürgerfunk" oder in Köln mit eigenem Jingle der Bürgerfunker zu Beginn der regeImäßigen Magazinschiene "Rheintime".


S. 40/41

Eine Prüfung der Sendung vor der Ausstrahlung durch Mitarbeiter des Lokalsenders (Bürgerfunkkoordinator) erfolgt aus zeitlichen Gründen nicht immer im Lokalfunk. Diese Kontrolle wird oftmals bereits von den Radiowerkstätten (Leiter, Kommunikationshelfer, Gruppenbetreuer) übernommen, da sie Interesse an einer konfliktfreien Zusammenarbeit haben, und um sich Freiräume zu verschaffen. Die Mitarbeiter der Radiowerkstätten wiederum wissen genau, welche Bürgerfunkgruppen ein entsprechendes Vertrauen genießen, ohne dass ihre sendefertigen Produktionen regelmäßig überprüft werden müssen. Man kann jedoch schließlich davon ausgehen, dass die Produzenten sich selber für ihre Produktionen verantwortlich fühlen, da sie bei Zuwiderhandeln negative Sanktionen zu befürchten hätten, das hieße u. A. Sendeverbot. Die Zahl der Beanstandungen bzw. Zurückweisungen von Bürgerfunkproduktionen ist in den letzten Jahren deutlich rückläufig und hat sich auf nur noch wenige Einzelfälle reduziert. Dies ist wiederum ein Indikator für das eingespielte und an etlichen Standorten befriedete Verhältnis zwischen Lokalsendern und Radiowerkstätten.


4.2 Grundstruktur des "Gesamtangebotes" des Bürgerfunks in NRW


Grundstruktur

S. 42

In einer Erhebung aus dem Jahr 2001 ergaben sich für vier exemplarisch untersuchte Lokalradios im Mittelwert bei der Musik 62,8 Prozent. Der Musikanteil des Bürgerfunks liegt ( ...) mit 68,9 Prozent noch etwas über demjenigen der lokalen Hörfunkangebote. Dennoch hat der Informationsanteil im Bürgerfunk mit 23,2 Prozent einen etwas höheren Wert als im Lokalradioangebot mit 21,2 Prozent.


S. 43

In der hier vorgenommenen (hochgradig verdichteten und somit abstrakten) Betrachtungsweise unterscheidet sich das Angebot des Bürgerfunks also nur unwesentlich von demjenigen des Lokalfunks.


Formate (im Bürgerfunk)

S. 44/45

Zum einen gibt es einer Anteil von knapp 26 Prozent monothematischer Sendungen. Hierbei handelt es sich um Sendungen, die sich komplett auf ein Thema richten, zumeist vergleichbar lange Wortstrecken haben und eine gewisse Recherchetiefe aufweisen. Diese Art der Radiopraxis findet sich im lokalen Hörfunk nur ausnahmsweise (...) Zum anderen sind Ressort-Magazine als bürgerfunktypisch anzusehen, die einen Anteil von knapp 20 Prozent ausmachen. Hierbei handelt es sich um Sendungen, bei denen alle Wortbeiträge innerhalb eines Themenkomplexes (Soziales, Geschichte, Folklore, Vereinsleben etc. ) angesiedelt sind. Häufig sind dies Sendungen, die von Vereinsaktivisten rund um ihr Interessengebiet angesiedelt sind. Während die Ressort-Magazine und die monothematischen Sendungen eine gewisse - von der herkömmlichen Radiopraxis abweichende - Bürgerfunkspezifik aufweisen, gilt dies für die Mischmagazine und Musikmagazine nicht. Als Mischmagazin wurden mit einem Anteil von knapp 21 Prozent Sendungen klassifiziert, die innerhalb eines Musikbettes sehr unterschiedliche Unterhaltungs- und Informationsanteile einstreuen. Für den Hörer ist bei diesem Sendungstyp keine Erwartbarkeit von spezifischen Themen verbunden. Grundsätzlich sind Mischmagazine ein Indikator für eine Formatangleichung des Bürgerfunkprogramms an das Lokalradio und für Bürgerfunkgruppen, die inhaltlich-thematisch nicht in der Lage (oder willens) sind, Themen umfangreicher hörfunkjournalistisch aufzuarbeiten. Letzteres bedeutet, dass verschiedene Beiträge unterschiedlicher Produzentengruppen bzw. Vereine in einem Magazin untergebracht sein können. Den höchsten Anteil an Sendungsformen nehmen mit fast 31 Prozent die Musikmagazine ein. Dies sind Sendungen, bei denen nicht nur die Musik als solche einen großen Raum einnimmt, sondern häufig auch die Moderation bzw. u. U. die journalistischen Beiträge, die auf das Thema Musik gerichtet sind.


Themen

S. 47

Das Informationsprogramm des Bürgerfunks richtet sich mit 65,3 Prozent auf den Themenbereich "Gesellschaft". Hierunter werden nicht-politisierte Themen aus den Feldern Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Gesellschaftliches Leben, Natur erfasst. In diesen Themenfeldern spiegelt sich die breite Palette der spezifischen Interessen der Bürgerfunkgruppen wider. Innerhalb dieses Themensegments ragt mit fast 50 Prozent (Themenbereich "Gesellschaft" = 100 Prozent gesetzt) der Bereich Kultur besonders heraus. Ansonsten reicht das Themenspektrum von Beiträgen für bestimmte Zielgruppen (Jugend, Senioren) über ein weites Feld von Special-Interest-Themen (Feuerwehr, Jagd, Philatelie, lokale Historie, Landschaftspflege etc.).


S. 48

Kontroverse Themen aus sämtlichen Politikfeldern machen hingegen lediglich 13,5 Prozent des Informationsprogramms aus. Dieser Befund weist bereits auf die Interessenlage der Bürgerfunker hin: Einem Großteil der Akteure des Bürgerfunks geht es bei ihrem Engagement nicht um die Schaffung einer (lokalpolitischen) Gegenöffentlichkeit.


Raumbezug

S. 49

Betrachtet man das Informationsprogramm unter der Perspektive, welche räumliche Zuordnung sich bei den Themen, Ereignissen oder Akteuren, über die berichtet wird, vornehmen lässt, ergibt sich folgendes Bild: Mit 57 Prozent richtet sich etwas über die Hälfte des Informationsprogramms auf Geschehnisse und Themen aus dem Verbreitungsgebiet. Der mit 43 Prozent nicht unerhebliche Anteil des Bürgerfunksprogramms ohne Bezug zum Verbreitungsgebiet ist sicherlich auch ein Resultat der schwachen lokalpolitischen Themenfokussierung. Andererseits macht er deutlich, dass die Interessen der Bürgerfunker breit gestreut sind und Bürgerfunk nicht ausschließlich als "Sprachrohr" lokaler Bürgerinteressen verstanden wird.


Wer kommt zu Wort

S. 50

Es dominieren mit 47 Prozent die "Normalbürger", als Bürger des Verbreitungsgebietes (ohne offizielle Funktion), die sich vor dem Mikrophon mit ihrer Meinung bzw. ihrem Anliegen äußern können. Häufig handelt es sich hierbei um Vereinsmitglieder oder Aktivisten verschiedener Special-Interest-Bereiche. An zweiter Stelle rangieren mit 12 Prozent Interessenvertreter von Verbänden, NGOs und ähnlichem. Die Zu-Wort-Kommenden spiegeln sehr deutlich die besondere Forumsfunktion wider, die den Programmen der Bürgerfunker zukommen. Hier können sich Bürger im Medium Hörfunk artikulieren (...) die im Lokalfunk bzw. anderen lokalen Medien kaum zu Wort kommen dürfen.


Fremdsprache

S. 50

Innerhalb des Bürgerfunks in NRW spielen fremd- und gemischtsprachige Programmangebote kaum eine Rolle. Nur 2,2 Prozent des analysierten Gesamtprogramms sind fremdsprachig (Sprachen: Türkisch, Russisch, Portugiesisch, Spanisch und Arabisch) und 0,5 Prozent gemischtsprachig. Lediglich in sechs Verbreitungsgebieten wurden im Untersuchungszeitraum entsprechende Sendungen ausgestrahlt, wobei acht Sendungen speziell für Migranten produziert waren.


4.3. Das Bürgerfunkprogramm aus Hörerperspektive


4.3.3 Wort-Musik-Verhältnis

S. 58

Das Spektrum der gespielten Musikstile im Bürgerfunkprogramm ist insgesamt sehr breit gestreut (...) Vielerorts wird der lokalen bzw. regionalen Musikszene ein Forum gegeben. Hier zeigt sich eine gewisse Spezifik des Bürgerfunks, denn ein solches Forum existiert im Lokalfunk nur in seltenen Fällen. Daneben gibt es aber auch zahlreiche Bürgerfunker bzw. Radiowerkstätten, die sich - insbesondere in der ersten Bürgerfunkstunde und in Wortmagazinen - an der Musikfarbe des jeweiligen Lokalradios orientieren, die sich in erster Linie dem Mainstream verpflichtet fühlt. Diese Orientierung wird zum einen damit begründet, dass Formatbrüche zwischen Lokalradio und Bürgerfunkprogramm vermieden werden sollen (teilweise durch explizite Vereinbarungen zwischen den Akteuren vor Ort), andererseits ist es persönlicher Geschmack oder unterstellter Publikumsgeschmack, der bedient werden soll.


4.3.7 Inhaltliche und formale Sendungsqualität

S. 78

Die inhaltliche und formale Sendungsqualität der Bürgerfunk-Produktionen ist - wider erwarten - deutlich höher als zunächst von einem "Laienradio" angenommen werden kann. Die feststellbaren Mängel halten sich dabei in einem Rahmen, der ein tolerierbares Maß nicht überschreitet (...) Grundsätzlich stellt die technische Sendungsqualität im Bürgerfunk aber offensichtlich kein wirkliches Problem dar. Diese Einschätzung wird auch von den befragten Chefredakteuren der Lokalsender geteilt. Deren Kritik richtet sich vielmehr auf die formale Sendungsqualität (...) Es wird unterstellt, dass Bürgerfunker unter dem Aspekt der Selbstverwirklichung zu sehr auf sich selbst und weniger auf die Hörer achten. Formatierung, journalistische Standards, Hörgewohnheiten etc. würden zu wenig berücksichtigt oder sogar ignoriert und hätten abschreckenden Charakter. Diese Einschätzung kann durch unsere Untersuchung jedoch nicht untermauert bzw. gestützt werden. Es fällt auf, dass vergleichsweise wenige formale Mängel zu beobachten sind.


5. Die Akteure des Bürgerfunks


5.2 Kommunikatoren – die Mitglieder der Bürgerfunkgruppen

5.2.1 Soziodemographische Struktur

S. 82

Der Bürgerfunk wird von einem breiten Spektrum der Bürger Nordrhein-Westfalens als Kommunikationsmittel genutzt. In der Zusammensetzung sind allerdings einige Abweichungen von der allgemeinen Bevölkerungsstruktur in NRW feststellbar.


S. 83

Bei der Altersstruktur lässt sich konstatieren: Der Bürgerfunk spricht alle Altersgruppen an! Eine spezifische Dominanz bestimmter Altersgruppen lässt sich nicht feststellen. Die Struktur der Bürgerfunker entspricht - mit einigen Abweichungen - weitgehend der Bevölkerungsstruktur in NRW. Deutlich überrepräsentiert ist lediglich die Gruppe der Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen bis 19 Jahren. Hier liegt der Bevölkerungsanteil in NRW bei 6,3 Prozent, innerhalb der Bürgerfunker hingegen bei 20 Prozent. Dies ist ein Reflex auf die Jugendarbeit zahlreicher Radiowerkstätten und der Tatsache, dass der Bürgerfunk von vielen Jugendlichen als Einstieg in einen Medienberuf gesehen (...) wird.


S. 84

Eine signifikante Abweichung zeigt sich auch beim formalen Schulabschluss: Bei den Bürgerfunkern verfügen fast 46 Prozent über eine Fachhochschulreife oder Abitur, im Landesdurchschnitt sind es hingegen nur 25 Prozent. Hierin schlägt sich das o. g. Motiv des Berufseinstiegs und die Aktivitäten von Radiowerkstätten an Hochschulstandorten mit Medienstudiengängen (Münster, Siegen, Dortmund, Köln u. a.) besonders nieder. Nach dem Studium lässt das Interesse am Bürgerfunk dann wieder etwas nach, dennoch sind Personen mit Hochschulabschluss im Bürgerfunk insgesamt überrepräsentiert. Die Gruppe der nicht berufstätigen Bürgerfunker rekrutiert sich vor allem aus Schülern und Studierenden sowie Senioren und Arbeitslosen.


5.2.3 Verhalten in der Bürgerfunkgruppe

Verhalten in der Radiowerkstatt


S. 92

Die Zusammenarbeit von Radiowerkstatt und Bürgerfunkgruppen bewegt sich in einem organisatorischen Rahmen, der kaum Konflikte hervorruft. Studiobeleglisten, elektronische Sendeplatzvergabe (...), persönliche Absprachen etc. sorgen für einen reibungslosen Ablauf des Produktionsbetriebes. Beobachtbar ist ein durchweg kooperativer Umgang der Akteure miteinander. Bürgerfunk-Einsteiger bzw. -Anfänger werden meist relativ intensiv eingewiesen und betreut. Bürgerfunker mit umfassenden Erfahrungen bedürfen dagegen keiner Betreuung mehr, werden in die Selbstständigkeit entlassen und erhalten u. a. vertrauensvoll die Schlüssel zu den Räumlichkeiten der Radiowerkstatt.


5.4 Die Radiowerkstätten


5.4.1 Einleitung

S. 109

Die Bürgerfunkproduktionsstätten - kurz Radiowerkstätten genannt - bilden das Rückgrat, für eine an professionellen Hörfunkstandards ausgerichtete Programmproduktion. Dieser technisch-organisatorische "Backbone" ersetzt in NRW diejenigen Einrichtungen, die in anderen Bundesländern als Offene Kanäle-Hörfunk erscheinen. Ihre wesentliche Aufgabe besteht in der technischen, organisatorischen und redaktionellen Produktionshilfe für die Bürgerfunkgruppen. Ohne das Equipment, die Räume und das Personal der Radiowerkstätten wäre die Produktion von Hörfunkbeiträgen für radiojournalistische Laien, wie es die Bürgerfunker sind, kaum möglich.


5.4.2 Infrastruktur und Produktionspraxis

Neben ihrer Kernaufgabe erfüllen etliche Radiowerkstätten einen Zusatznutzen. So gibt es verschiedene Projekte mit sozialpädagogischer Ausrichtung, die von den Radiowerkstätten durchgeführt werden. Hier wird gesellschaftspolitisch wichtige integrative Arbeit geleistet.